Prof. Dr.-Ing. habil. Dr.-Ing. h. c. N. Joachim Lehmann (1921 - 1998)

Prof. Dr.-Ing. habil. Dr.-Ing. h. c. N. Joachim Lehmann war einer der bedeutendsten Computerpioniere in der DDR und gehörte zu den internationalen Vordenkern der Computertechnik und Computeranwendung.
Er war mit seinem „Rechner auf dem Tisch" Wegbereiter der heutigen Personalcomputer.
N. J. Lehmann legte auch den Grundstein für die Entwicklung und umfassende Anwendung der Informatik in der DDR. Darüber hinaus gilt er als international anerkannter Mitbegründer der Computeranalytik.
N. J. Lehmann war parteilos.

1921
15. März in Camina bei Bautzen/Sachsen geboren, sorbischer Herkunft
Vater: Georg Lehmann, Bautechniker und Sägewerksbesitzer (verstirbt bereits 1933)
Mutter: Agnes Lehmann geb. Dittrich, Schneiderin und Hausfrau


1927 - 1931
Besuch der Volksschule in Radibor.

1931 -
1939
Besuch der Katholischen Oberschule (aus politischen Gründen 1938 aufgelöst) und der Landständischen Oberschule in Bautzen, nach erfolgreichem Abitur (1939) Ableistung des Reichsarbeitsdienstes in Seifhennersdorf.
 

1939 - 1945
Studium der Technischen Physik und Mathematik an der Technischen Hochschule (TH) Dresden (allerdings wegen Wehrersatzleistungen mehrfach unterbrochen); bedeutende Lehrer: Heinrich Barkhausen (Schwachstromtechnik), Friedrich Adolf Willers (Angewandte Mathematik).
Die fast fertig gestellte Diplomarbeit (Thema: „Untersuchungen zum magnetoptischen Kerr-Effekt") wurde beim Bombardement auf Dresden vernichtet.

1946
Abschluss des Studiums als Dipl.-Ing. „mit Auszeichnung" (Thema der zweiten Diplomarbeit: „Näherungsmethoden zur Eigenwertberechnung mit Anwendung auf die Schwingungen einer Sechseckmembran").
Anstellung als Hilfsassistent in der Abteilung Mathematik und Physik, danach als Assistent bei F. A. Willers am Lehrstuhl für Angewandte Mathematik der TH Dresden.

1947
N. J. Lehmann bekommt an der TH Dresden Lehraufträge und hält bereits Vorlesungen für Mathematikstudenten auf dem Gebiet der Analysis und zunehmend Spezialvorlesungen über Rechentechnik. Wissenschaftlich befasst er sich u.a. mit „Stabilitätsfragen bei Verstärkern".

1948
Promotion zum Dr.-Ing. an der TH Dresden „mit Auszeichnung" (Thema der Dissertation: „Beiträge zur numerischen Lösung linearer Eigenwertprobleme").
In diesem Jahr entwickelt N. J. Lehmann eine Methode zur numerischen Berechnung optimaler Schranken für allgemeine lineare Eigenwertaufgaben. Dieses Verfahren wird heute weltweit mit seinem Namen bezeichnet und angewandt.

1948 - 1949
Hinwendung zur Entwicklung maschineller Hilfsmittel zur Durchführung technischer Rechnungen.
Als „Protest" zum in den USA gebauten Rechenriesen ENIAC konzipiert N. J. Lehmann einen Magnettrommelspeicher und entwirft ein autonomes Rechenwerk mit Elektronenröhren (1948 noch dezimal, danach dual-seriell). Erstes Zusammentreffen mit Konrad Zuse in der ZUSE KG in Neukirchen (Hessen).

1950 - 1953
Gemeinsame Versuchsarbeiten mit dem VEB Funkwerk Dresden und Aufbau des RA D1 (Rechenautomat Dresden 1) auf der Grundlage der Entwürfe von 1949. Anfang 1953 Publikation des vollständigen
Entwurfs des RA D1.

1951
Habilitation zum Dr.-Ing. habil. mit einer Arbeit zum Thema „Der Zusammenhang allgemeiner Randwertaufgaben mit der Integralgleichungstheorie".
Vorschlag des „Assistenten-Triumvirats", zu dem auch N. J. Lehmann gehörte, am Institut für Angewandte Mathematik ein Rechenbüro (nach dem Vorbild der „Rechenfabrik" von Prof. Dr. Alwin Walther, Technische Hochschule Darmstadt) einzurichten, das die mathematische Bearbeitung von Fremdaufträgen aus Instituten und der Industrie übernehmen konnte. Dieses Rechenbüro bestand bis 1968 und ging dann im Rechenzentrum der Technischen Universität (TU) Dresden auf.

1952
Ernennung zum Dozenten für Angewandte Mathematik.

1953
Berufung zum Professor mit Lehrauftrag für Angewandte Mathematik.

 

1956
Berufung zum Professor mit vollem Lehrauftrag.
Die Arbeiten N. J. Lehmanns zu rechentechnischen Problemen befördern die Gründung des Instituts für Maschinelle Rechentechnik (IMR) an der TH Dresden, dessen Direktor er wird. Es ist in Deutschland das erste Hochschulinstitut für diese Fachrichtung. Gleichzeitig werden damit die Grundlagen für das Studium der Rechentechnik als eigenständiges Fachgebiet in der DDR gelegt. Das Institut entwickelt sich zu einer international anerkannten Lehr- und Forschungsstätte.
Rechenautomat D1 (IMR der TU Dresden)

RA D1, Regiepult (IMR der TU Dresden) Fertigstellung des RA D1 im IMR der TH Dresden, seine ausgefeilte Logik-Struktur erregt internationale Aufmerksamkeit, Verwendung von 760 Elektronenröhren, Magnettrommelspeicher mit 100 Umdrehungen pro Sekunde für 2048 Worte zu je 72 bit, Leistungsfähigkeit 100 arithmetische Nutzoperationen pro Sekunde.
Entwurf und Aufbau des weiterentwickelten Röhrenrechners RA D2 in der institutseigenen Werkstatt.

1958
Eine Speichervariante des RA D2 wird dem VEB Carl Zeiss Jena für die Produktion des ersten in der DDR serienmäßig gefertigten Rechenautomaten ZRA1 zur Verfügung gestellt.
Nachdem die 1948 geschlossene erste Ehe, aus der zwei Söhne hervorgegangen sind, geschieden wurde, heiratet N. J. Lehmann die sowjetische Bürgerin
estnischer Herkunft Dr. phil. Dolly Chudjakova geb. Waso.

Rediepult des RA D2 (IMR der TU Dresden)

1959
Fertigstellung und Inbetriebnahme des RA D2, weiterer Ausbau des logischen Konzeptes vom RA D1, Verwendung von 1400 Elektronenröhren, Magnettrommelspeicher mit 300 Umdrehungen pro Sekunde für 4096 Worte zu je 56 bit, ein Teil als Schnellspeicher organisiert, verarbeitete 1000 arithmetische Gleitkommaoperationen pro Sekunde. Der RA D2 war für Jahre der schnellste Rechner der DDR.

1960
Berufung zum Professor mit Lehrstuhl für Maschinelle Rechentechnik an der TH Dresden.
Patentanmeldungen für Kleinstrechner.
 

RA D3 im Aufbau am JMR der IMR der TU Dresden unmittelbarer Vorläufer der D4a
Versuchsaufbau des Röhrenrechners RA D3 in der institutseigenen Werkstatt als Weiterentwicklung des RA D2

Ab 1962 werden in der DDR Transistoren produziert; deshalb wird ab diesem Zeitpunkt die Arbeit am RA D3 eingestellt.

Rechenautomat D4a


1961 - 1963
Entwicklung und Aufbau des Kleinstrechners
RA D4a als „Rechner auf dem Tisch",
Fertigstellung der ausgereiften Version Mitte 1963

Der RA D4a ist der erste „persönliche Computer" in den Abmessungen
60 x 45 x 42 cm, besteht u.a. aus 200 Transistoren und 1500 Halbleiterelektroden, besitzt einen lärmgekapselten Magnettrommelspeicher mit 300 Umdrehungen
pro Sekunde für 4096 Worte zu je 33 bit, verarbeitete pro Sekunde bis zu 2000 logische Befehle oder 150 Fest- bzw. Gleitkommaoperationen. Entsprechende Ein- und Ausgabegeräte werden im IMR selbst entwickelt und gebaut.

Zusätzlich zur Tätigkeit an der nunmehr Technischen Universität (TU) Dresden Berufung zum Mitglied des Forschungsrates der DDR (1962) und Mitarbeit in verschiedenen Regierungskommissionen, die sich mit der Planung des Ausbaus der Büromaschinenindustrie zum Produzenten von EDV-Anlagen und deren umfassender Nutzung in Wirtschaft, Wissenschaft und Technik befassen.

1963 - 1966
Entwicklung des Konzeptes für den RA D5: ebenfalls als „Rechner auf den Tisch", aber mit zehnfach höherer Rechenleistung gegenüber dem RA D4a und verbesserter Ein- und Ausgabe, 1966 Abbruch dieser Arbeiten, weil die Industrie nicht bereit ist, diesen Entwurf in die Produktion zu übernehmen.

1964
Übergabe des RA D4a an den VEB Büromaschinenwerke Zella-Mehlis zur Überführung in die Produktion (Serienherstellung als Cellatron 8201 ... 8205, 8205 Z in über 3000 Exemplaren).

1964 - 1967
Zusätzlich zu seiner umfangreichen Tätigkeit an der TU Dresden gründet N. J. Lehmann in Dresden das Institut für Maschinelle Rechentechnik der Akademie der Wissenschaften und leitet es als Direktor bis zur durch eine Wirtschaftsreform erzwungenen Übergabe an die VVB Datenverarbeitung und Büromaschinen Erfurt.

1965 - 1986
N. J. Lehmann ist ständiger Vertreter der DDR in der „Kommission für die Zusammenarbeit sozialistischer Akademien zu wissenschaftlichen Fragen der Rechentechnik" (KNWWT).

 
28. März 1985, TU Dresden; Konrad Zuse u. Dr.-Ing. N. J. Lehmann

Ab 1965
Häufigeres Zusammentreffen mit Konrad Zuse, ein freundschaftliches Verhältnis entsteht.

1968 - 1986
Infolge der 3. Hochschulreform in der DDR wird an der TU Dresden u.a. die Sektion Mathematik gegründet und ein separates Rechenzentrum gebildet. N. J. Lehmann wird innerhalb der Sektion
Mathematik zum Leiter des Wissenschaftsbereiches „Mathematische Kybernetik und Rechentechnik"
sowie zum Stellv. Direktor für Forschung berufen. Beide Funktionen hat er bis zu seiner Emeritierung inne. N. J. Lehmann setzt sich fortwährend für den Ausbau der mathematischen Grundlagenforschung für die Informationsverarbeitung und insbesondere für die Automatisierung der Programmierungsarbeit ein. Seine Meinung ist in vielen wissenschaftsorganisatorischen und -strategischen Gremien gefragt.

1969
Berufung zum ordentlichen Professor für Mathematische Kybernetik und Rechentechnik.

1971
N. J. Lehmann gründet an der TU Dresden das „Weiterbildungszentrum für Mathematische Kybernetik und Rechentechnik" für die gesamte DDR, dessen Leitung er zusätzlich übernimmt.

1971 - 1986
N. J. Lehmann wird Vertreter der Akademie der Wissenschaften der DDR in der Internationalen Föderation für Informationsverarbeitung (IFIP).

1980 - 1983
Ernennung zu einem der Vizepräsidenten der IFIP.

1986
Emeritierung

1986 - 1998
Nach der Emeritierung befasst sich N. J. Lehmann bis zu seinem Tode verstärkt mit Computeranalytik, mit der Geschichte der mechanischen Rechenmaschinen und mit dem voll funktionsfähigen Nachbau der Leibniz-Rechenmaschine. (Ein Exemplar befindet sich als Leihgabe der TU Dresden in den Technischen Sammlungen Dresden. Ein weiteres Exemplar kann im Technikmuseum Berlin besichtigt werden.)

1989
Verleihung der Ehrendoktorwürde (Dr.-lng. h. c.) durch die Universität Rostock

1998
N, J. Lehmann stirbt am 27. Juni in Dresden.


Veröffentlichungen

N. J. Lehmann publiziert etwa 270 Beiträge.


Ehrungen und Auszeichnungen (Auswahl)

1962 Vaterländischer Verdienstorden in Bronze
1964 Deutscher Nationalpreis
1970 Orden Kyrill und Methodi, 1. Klasse (Bulgarien) für seinen Beitrag zur Entwicklung
          eines bulgarischen Rechenautomaten
1980 Korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR
1981 Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig
1986 Hervorragender Wissenschaftler des Volkes
1989 Ehrendoktor (Dr.-lng. h. c.) an der Universität Rostock
1989 Konrad-Zuse-Medaille der Gesellschaft für Informatik


Ausstellung im Konrad-Zuse-Computermuseum Hoyerswerda

Im Konrad-Zuse-Computermuseum sind wesentliche Stationen vom Prof. Dr. Lehmann dokumentiert.

In den Folgejahren nach 1964
wurde der Computer
D4a zur Produktion an den
VEB Büromaschinenwerke
ZellaCellatron-Mehlis zur
Serienherstellung des 8201- 8205 Z
in etwa 3000 Stück übergeben. Dieser in Schreibtischgröße hergestellte Rechner
wurde als dezentrales Computersystem
für Forschungseinrichtungen,
Hochschulinstitute und Betriebe genutzt.


Eine Ausführung der freiprogrammierbaren Rechenanlage auf Halbleiterbasis C8205 Z1 befindet sich ebenfalls in der Ausstellung des Computermuseums.



Zusammengestellt auf der Grundlage authentischer Unterlagen von Dipl-Math. Bernhard Göhler und Dr, phil. habil. Ursula Spranger-Göhler, Dresden (04.10.2005).


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